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Mind the gap

(english version below)

Die Bestandteile der Wirklichkeit erscheinen in Petra Lottjes Werk wie Variablen im Koordinatensystem des Menschlichen. Ähnlich einer Chemikerin, die Elemente aus ihren Verbindungen löst, um sie auf ihre Eigenschaften zu untersuchen, seziert die Künstlerin den Korpus des Alltags. Das Video dient hierbei als subjektiver Experimentierkasten, um sich mit Fragen nach der Beschaffenheit von Kommunikation, dem Entstehen von Bedeutung, der Wirkung von Bildern und dem Gegensatz von Individualität und Allgemeinplätzen zu beschäftigen.
Sprache bildet in zahlreichen Videos Petra Lottjes den Ansatzpunkt der Auseinandersetzung. In „Episoden“ (2009), „Loope“ (2009), „Time is the killer“ (2008) und „O.T.“ kombiniert sie Tonsequenzen aus unterschiedlichen Spielfilmen, verleiht ihnen körperlichen Ausdruck und versetzt sie in neue Zusammenhänge. Durch den reduzierten, jedoch keineswegs neutralen mimischen Ausdruck ihrer Figuren schafft es die Künstlerin eine Distanz herzustellen zwischen der emphatischen Sprache aus den Filmen und ihren vermeintlichen Urhebern. Mit subtiler Ironie kommt Petra Lottje so den teilweise ambiguen Äußerungen und grottesken Situationen im Ringen um Verständigung auf die Spur. Indem sich die Protagonisten das ganze Spektrum oft gegensätzlicher Stimmen einverleiben, die das Kino zu den großen Themen wie Liebe oder Identität hergibt, werden sie zu Sinnbildern allgemeinmenschlicher Empfindungen aber auch medienkonditionierter (Selbst-)Wahrnehmung. Heute ist jeder Protagonist seines eigenen Films, doch wie eigen ist dieser Film wirklich? Und wie sehr sind wir selbst Medien kollektiver Stereotypen?
In den Werken Petra Lottjes finden wir keine Antworten, dort geht es um das Dazwischen. Sie offenbaren den vielleicht unausdrückbaren Rest zwischenmenschlicher Kommunikation. Um diesem näher zu kommen bedient sich die Künstlerin der Methode von Isolation und displacement der einzelnen Werkkomponenten – Sprache, Bild und körperlichem Ausdruck, um das Eigentliche aus ihnen herauszulösen. Sie führt diesen Prozess bis hin zu dem Punkt, an dem bei der Rekomposition der Bestandteile die Lücke, die Inkongruenz zwischen zwei Elementen bleibt. Hier entsteht der Raum der Unmöglichkeit von Ausdruck oder des Scheiterns von Verständigung. Dieser Raum beschreibt jedoch kein schwarzes Loch, er hat vielmehr das Potential zum neuerlichen Ausgangspunkt von Verständigung zu werden. Denn hier entfaltet sich der Ort und der Moment im Kosmos des Betrachters für seine eigene, einzigartige Wahrnehmung.

© Susanne Husse, Februar 2010

 


Mind the gap

The components of reality appear in Petra Lottje’s works like variables in the human coordinate system. The artist dissects the corpus of daily routine, reminiscent of a chemist, who dissociates elements from their bonds in order to study their characteristics. At this juncture, video art serves the purpose of a subjective experimental kit to research on questions of the composition of communication, the origination of meaning, the effect of pictures and the antagonism of individuality and commonplaces. Language plays an important role as point of departure in most of Petra Lottje’s videos. In „Episoden“ (2009), „Loope“ (2009), „Time is the killer“ (2008) and „O.T.“, she combines sound sequences from different movies, accords them a somatic expres- sion and relocates them into new contexts. Through this reduced, but in no way neu- tral mimic expression of her figures, Lottje succeeds in constructing a gap between the emphatic language from the movies and their alleged authors. Armed with a subtle irony, Lottje approaches these parti- ally ambiguous utterances and grotesque situations in their entanglement and quest for understanding. By absorbing the whole spectrum of mostly contradictory voices which cinema yields, like love or identity, the protagonists become emblems of general human sentiments but also media- conditioned (self-) perception. Today, each person is a protagonist of his/her own movie, however to what extent is this movie actually innate? And how much are we ourselves media-collective stereotypes?
We do not find answers in Petra Lottje’s works... as they treat those issues that lie in between. They reveal the ‘perhaps’ inexpressible rest of inter-personal communication. In order to address these issues, the artist uses the method of isola- tion and displacement of the single com- ponents – language, picture and carnal expression, so as to unhinge the ultimate from them. She stretches this process until the point where the re-composition of the components becomes the gap, the incongruence between two elements. The space of impossibility of expression or of failure in communication or understanding develops here. However, this space does not describe a ‘black hole’! It rather has the potential of becoming the new point of departure for understanding... as it favours the unfolding of the place and moment in the cosmos of the beholder for his/her own unique perception.

© Susanne Husse, 2010

Englisch: Dr. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung

 

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